Entwicklung der Zeitarbeit seit der Deregulierung 2003

Der deutsche Leiharbeitssektor unterliegt seit seiner Deregulierung im Jahr 2003 einer beispiellosen Dynamik. Insbesondere die rasante Zunahme an Leiharbeitern hat ein enormes Echo in der Öffentlichkeit ausgelöst. Dabei wurden sowohl Hoffnungen im Hinblick auf die Eingliederung von arbeitsmarktferneren Bevölkerungsgruppen geäußert als auch Befürchtungen über die mögliche Wegrationalisierung sogenannter Normalarbeitsverhältnisse zugunsten von Leiharbeitsverhältnissen laut.

 

Ein Schwerpunkt des Forschungsbeitrags von Dr. Steffen Müller (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg) liegt auf der detaillierten Beschreibung des Leiharbeitseinsatzes in den Nutzerbetrieben im Zeitraum 2002 bis 2010. Der Leiharbeitseinsatz wird dabei getrennt nach Betriebsgröße, Sektor und Region beschrieben. Sein besonderes Augenmerk liegt auf der Entwicklung während der Wirtschaftskrise der Jahre 2008 und 2009. Zudem wird der Versuch unternommen, die Hauptnutzergruppe anhand möglichst weniger betrieblicher Merkmale zu identifizieren und Argumente zusammenzutragen, die die Konzentration der Leiharbeitsnutzung innerhalb dieser Gruppe erklären.

 

Wenig ist darüber bekannt, ob der enorme Anstieg in der Leiharbeitsnutzung vor allem durch eine höhere Anzahl der Nutzerbetriebe (Extensive Margin) oder durch eine intensivere Nutzung in relativ wenigen Nutzerbetrieben (Intensive Margin) hervorgerufen wurde. Diese Frage berührt die zentrale Diskussion darüber, ob Leiharbeiter zur massiven Substitution von Stammbelegschaften oder zur kurzfristigen Befriedigung eines höheren Personalbedarfs eingesetzt werden. Obwohl ein Nutzungsanstieg entlang der Intensive Margin in diesem Zusammenhang eher als problematisch angesehen werden dürfte, muss es sich dabei nicht zwangsläufig um eine „Low road“-Strategie, also eine Strategie billiger und schlechter qualifizierter Arbeit handeln. Vielmehr wird bezüglich dieser Arbeit argumentiert, dass eine auf einem sehr niedrigen Niveau beginnende moderate Nutzungsintensivierung auch als ein Hineinwachsen in produktivere Strukturen verstanden werden kann. Die Dynamik entlang beider Margins wird mit Hilfe des Ansatzes von Blundell et al. (2011) beschrieben.

 

Im zweiten Teil der Arbeit finden multivariate Verfahren Anwendung, um den Einfluss der einzelnen betrieblichen Charakteristika auf die Wahrscheinlichkeit der Leiharbeitsnutzung und die Intensität der Nutzung zu schätzen. Es wird auch geprüft, ob sich die Determinanten der Nutzung in ihrer Wichtigkeit im Zuge der Krise verändert haben. Schließlich werden die Nutzungsgründe untersucht.

 

Als Ergebnisse der Studie wurden folgende Erkenntnisse dargestellt:

 

  1. Der Zuwachs an Leiharbeitern bis zur Wirtschaftskrise im Jahr 2008 fand über alle Betriebsgrößenklassen hinweg statt. Verursacht wurde der überproportionale Anstieg durch große Industriebetriebe.

 

 

  1. Dieser Zuwachs erfolgte sowohl entlang der Intensive Margin, also der Leiharbeitsintensität in den Nutzerbetrieben, als auch entlang der Extensive Margin, also der Anzahl der Nutzerbetriebe, wobei die Intensive Margin beim Zuwachs dominierte.

 

 

  1. Die Extensive Margin dominierte beim krisenbedingten Abbau der Leiharbeitsnutzung zwischen 2008 und 2009.

 

  1. Multivariate Analysen zeigen zudem, dass exportierende Betriebe, Kapitalgesellschaften, Betriebe in ausländischem Besitz und Betriebe mit veraltetem Kapitalstock mit höherer Wahrscheinlichkeit Leiharbeiter einsetzen (Extensive Margin).

 

  1. Darüber hinaus zeigt sich, dass sich die in Punkt 3 genannte Anpassung entlang der extensive margin während der Wirtschaftskrise vor allem auf die Reaktion von größeren Betrieben, Industriebetrieben und Exporteuren zurückführen lässt.

 

  1.  Des Weiteren ist festzustellen, dass exportierende Betriebe vor der Krise häufiger und intensiver, aber nach der Krise seltener und weniger intensiv auf Leiharbeit gesetzt haben und sie daher überproportional stark für die Anpassung der Leiharbeitsnutzung im Konjunkturverlauf verantwortlich sind. Befund 1 kann durch geänderte Produktionsprozesse erklärt werden (Neubäumer und Tretter 2008), die in großen Industriebetrieben eine besonders starke Wirkung entfalten dürften. Auch wenn das zweite Ergebnis auf eine Intensivierung der Leiharbeitsnutzung hindeutet, kann die selbst auf dem Höhepunkt der Leiharbeitsnutzung im Sommer 2008 noch moderate Leiharbeitsintensität von sieben Prozent (neun Prozent) in Nutzerbetrieben mit mindestens 250 Beschäftigten (50 bis 249 Beschäftigten) schwerlich als eine massive Substitution von Stammbelegschaften gedeutet werden. Im Lichte der Ergebnisse von Hirsch und Müller (2012) deutet das zweite Ergebnis eher auf eine Erhöhung der Produktivität in den Nutzerbetrieben hin. Zusammen mit den multivariaten Befunden zur Rolle von exportierenden Betrieben und Betrieben mit ausländischem Mehrheitseigentümer ergibt sich ein Gesamtbild, in dem internationaler Wettbewerbsdruck zu geänderten Produktionsprozessen und einer Erhöhung der Produktivität durch verstärkte Leiharbeitsnutzung vor allem in der Industrie geführt hat.

 

Die Ergebnisse 3, 5 und 6 zeigen auch, dass größere und exportierende Industriebetriebe im Verlauf der Wirtschaftskrise besonders deutlich Leiharbeit abgebaut haben. Wenn das Ausmaß der Leiharbeitsnutzung auch in Zukunft maßgeblich durch die Auftragslage dieser Betriebe beeinflusst wird, hängen künftige Beschäftigungschancen im Leiharbeitssektor stark von der internationalen Nachfrage nach deutschen Industriegütern ab. Ereignisse, die die Nachfrage nach deutschen Gütern reduzieren, sei es ein genereller Einbruch in der weltweiten Nachfrage, sei es die Aufwertung des Euros gegenüber der Währung von Zielländern deutscher Exporte oder gar die im Zuge der vereinzelt geforderten Rückkehr zur D-Mark zu erwartende massive Währungsaufwertung, dürften sich zuerst in der Nachfrage nach Leiharbeitern widerspiegeln. Dass dieser Wirtschaftsbereich auch ganz unabhängig von besonderen Ereignissen stärkeren Produktionsschwankungen unterliegt als die Gesamtwirtschaft, erklärt die auch von Jahn und Bentzen (2012) nachgewiesene starke Reagibilität des Leiharbeitseinsatzes im Konjunkturverlauf.

 

 

Die ausführliche Studie von Steffen Müller finden Sie hier.